3 Fragen an die Astrophysikerin Kathrin Altwegg

Werden, Sein, Vergehen

Thomas Hofer: Sie sagen, dass die Menschheit aus astronomischer Sicht nur ein Wimpernschlag in der Ewigkeit ist – flüchtig, kaum wahrnehmbar. Vor dem Hintergrund dieser gewaltigen Dimensionen: Was wünschen Sie sich für unsere Gesellschaft, für unser Zusammenleben – für das Menschsein?

Kathrin Altwegg: Es stimmt, wir Menschen sind ein Wimpernschlag in der Ewigkeit. Wir tragen aber für das Hier und Jetzt trotzdem Verantwortung. Wir tun mit der Erde, was wir eben tun, ob gut oder schlecht. Niemand wird uns da helfen. Wir wissen, dass der Mensch irgend einmal wieder verschwindet, aber wir sollten die Zeit, die uns bleibt, nicht noch verkürzen. Für unsere Umwelt, Tiere, Pflanzen und unsere eigenen Kinder müssen wir die Schönheit der Erde bewahren.

 

Thomas Hofer: Das Leben ist ein Kreislauf von Kommen und Gehen. Wie blicken Sie als Astrophysikerin auf Endlichkeit und Vergänglichkeit? Und wenn es plötzlich kein Morgen mehr gäbe – was bliebe von Ihnen, und was würden Sie mitnehmen?

Kathrin Altwegg: Im Universum gilt generell: Werden, Sein, Vergehen. Etwas entsteht, existiert eine gewisse Zeit, wird zu Staub und daraus entsteht etwas Neues. Das gilt für Galaxien, Sterne, Planeten und eben auch Leben. Neuere Beobachtungen lassen einen solchen Kreislauf selbst für das Universum zu. Das Universum wird sich eventuell wieder zusammenziehen und dann an einem Punkt landen, von wo aus dann der nächste Urknall stattfinden kann. Wir bestehen aus Sternenstaub, aus Materie, die in Sternen, die es schon längst nicht mehr gibt, entstand. Wird dereinst die Sonne zu einem roten Riesen, dann zu einem weissen Zwerg, wird das meiste Material ans Universum abgegeben werden, auch was von mir übrigbleibt, meine Atome, aus denen ich bestehe. Daraus können neue Sterne, Planeten und, wer weiss, auch wieder Leben entstehen. Ich bin zwar winzig klein, aber trotzdem Teil dieses wunderschönen, grossen Ganzen. Ein schöner, beruhigender Gedanke.

 

Thomas Hofer: In einem Referat an den Schulen Fraubrunnen haben Sie die anwesenden Eltern einmal beruhigt, indem Sie sagten, der Staub unter dem Bett pubertierender Jugendlicher sei im Grunde nichts anderes als ein kleines Universum. Diese Bemerkung sorgte für große Heiterkeit. Können Sie erläutern, was Sie damit gemeint haben?

Kathrin Altwegg: Systeme wie unser Sonnensystem mit Stern und Planeten entstehen aus Staub, Eis und Gas. Um aus einer solchen riesigen Staubwolke Sterne und Planeten zu bilden, wirkt als erste Kraft die elektromagnetische Anziehung: der Staub lädt sich auf und zieht sich gegenseitig an, genau so wie Staub unter dem Bett, wenn man eine gewisse Zeit nicht staubsauget, etwas das den meisten von uns vertraut ist. Bei genügend Staub, kann sich daraus ein Kleinkörper (Planetesimal) entwickeln, bevor dann die Gravitationskraft so richtig einsetzt und einige dieser Kleinkörper zu Planeten wachsen lässt. Wenn Sie also die Staubknäuel ein paar Millionen Jahre wachsen lassen, bekommen Sie ein neues Sonnensystem, 😊.

 

Thomas Hofer: Der Musiker Büne Huber stellt in einem seiner Songtexte die philosophische Frage: «Hört das Universum uns kleinen Fischen zu?» Was würden Sie ihm antworten?

Kathrin Altwegg: Wir Menschen können das Universum nicht ändern, unsere Einflusssphäre ist sehr beschränkt, was wahrscheinlich für das Universum ein Glück ist. Wäre ich das Universum, würde ich trotzdem den kleinen Fischen zuhören, da auch kleine Fische im grossen Meer eine wichtige Rolle spielen.

 

Zur Person: 

Kathrin Altwegg ist Astrophysikerin und emeritierte Professorin an der Universität Bern. Sie zählt zu den führenden Wissenschaftlerinnen im Bereich der Weltraumforschung und war massgeblich an der Rosetta-Mission der Europäischen Weltraumorganisation beteiligt. Dort leitete sie das Team hinter dem Instrument ROSINA, das entscheidend zur Analyse der chemischen Zusammensetzung des Kometen «Chury» beitrug. Für ihre Forschung wurde sie vielfach ausgezeichnet.