Wie lange ist nie mehr?
Thomas Hofer: Zu Beginn gleich die Frage aller Fragen: «Wie lange ist nie mehr»?
Doris Büchel: Wenn ich das wüsste :-) Es ist auf jeden Fall gefühlt sehr, sehr lange. Endgültig. Es ist die Frage, die mich als Kind eine eine Zeit lang intensiv beschäftigt hat: Wenn ich jetzt einschlafe, und nie mehr aufwache … wie lange ist dann «nie mehr»?
Thomas Hofer: Du verfasst Briefe mit und für Menschen, die in der letzten Lebensphase sind. Dabei handelt es sich um ein ganz persönliches Vermächtnis, die Sterbende ihren Freunden und Angehörigen hinterlassen. Dies nennt sich «Würdezentrierte Therapie» - kannst du etwas mehr darüber erzählen?
Doris Büchel: Vielleicht zuerst eine Präzisierung: Menschen in der letzten Lebensphase sind nicht automatisch «sterbend». In der Zeit, in der ich sie besuche, leben sie – und genau darum geht es. Die würdezentrierte Therapie ist ein strukturiertes Gespräch über zentrale Lebensmomente. Das heisst, wir führen ein Gespräch auf Augenhöhe. Dabei geht es vor allem um einen wohlwollenden Blick auf das Leben: Wann habe ich mich ganz lebendig gefühlt? Worauf bin ich stolz? Welche Rollen waren mir wichtig – und was habe ich darin erreicht? Es geht darum, die eigene Identität jenseits von Krankheit und körperlichem Abbau wieder spürbar zu machen. Im zweiten Teil des Gesprächs richten wir den Blick auf die Menschen, denen das Dokument gewidmet ist. Gibt es konkrete Hoffnungen und Wünsche für meine Lieben? Möchte etwas noch ausgesprochen werden? Wie möchte ich in Erinnerung bleiben? Aus dem Gespräch entsteht ein Schriftstück, eine Art geistiges Vermächtnis, das ich später den Menschen in analoger Form überreichen kann. Das Herzstück der würdezentrierten Therapie ist, wenn ich den Erzählenden deren Geschichte vorlese und die Person ihre eigene Geschichte in verdichteter Form hört. Wenn mein Gegenüber mir dann sagt: «Das haben Sie so schön geschrieben, das berührt mich sehr», und ich dann sagen kann: «Ich habe das zwar geschrieben. Aber das ist IHRE Geschichte. Das sind IHRE Worte.» – das kann sehr schön und berührend sein, für beide Seiten. Im Kern geht es darum, Würde zu stärken. Zu vermitteln: Du bist mehr als deine Krankheit. Du bist ein Mensch mit einer einzigartigen Geschichte, mit Beziehungen, mit Bedeutung. Du wirst gesehen und gehört – dein Leben zählt.
Thomas Hofer: Die Endlichkeit ist unverhandelbar. Was lässt sich aus Gesprächen mit Sterbenden ableiten für den Anfang, für das Leben? Warum ist es wichtig, auch mit Kindern und Jugendlichen (früh) über diese Themen zu sprechen?
Doris Büchel: Jeder Mensch ist einzigartig, jedes Leben und jedes Sterben ist individuell. Und doch zeigt sich in all diesen Begegnungen ein gemeinsamer Kern: Am Ende geht es um Bedeutung. Nicht im Sinne von Status oder Besitz, sondern im Sinne von Beziehung. Habe ich jemandem etwas bedeutet? Wer war mir wichtig? Wo habe ich Liebe, Verbundenheit, vielleicht auch Versöhnung erlebt? Und was darf von mir bleiben – als Haltung, als Erinnerung, als Spur im Leben anderer?
Es geht selten um verpasste Karriereschritte oder um zu wenig Effizienz. Viel häufiger geht es um gelebte oder ungelebte Nähe. Um Dankbarkeit. Um Worte, die noch ausgesprochen werden möchten. Das relativiert vieles – nicht Leistung oder Engagement an sich, aber die Idee, dass sie allein nicht tragen.
Gerade deshalb halte ich es für wichtig, auch mit Kindern und Jugendlichen über Endlichkeit zu sprechen. Nicht, um sie zu verunsichern, sondern um ihnen früh einen bewussten Umgang mit dem Leben zu ermöglichen. Wenn wir die eigene Begrenztheit nicht verdrängen, sondern als Teil des Menschseins begreifen, kann das klärend wirken: Was ist mir wichtig? Wie möchte ich mit anderen umgehen? Was soll von mir in Erinnerung bleiben?
Wir sind nicht zu jung, um uns diese Fragen zu stellen. Und wir sind nicht unverwundbar. Unsere Endlichkeit ist keine Bedrohung, sondern – richtig verstanden – eine Einladung zu einem wachen, verbundenen Leben.
Zur Person:
Doris Büchel ist eine schweizerisch-liechtensteinische Autorin. Sie schreibt vor allem Biografien und ist seit vielen Jahren in der Literatur- und Kulturszene aktiv. In ihrem jüngstes Werk «Wie lange ist nie mehr» setzt sie sich mit Leben, Verlust, Liebe und Sterben auseinander – angeregt durch ihre Erfahrungen in der würdezentrierten Therapie und der Begleitung von Menschen im letzten Lebensabschnitt. Doris Büchel lebt mit ihrem Mann Marco Büchel in Triesenberg, Liechtenstein.