«Jedes Mal ist es aufs Neue doch auch ein Ringen um die Konzentration in der Vorbereitung und das Loslassen im Moment»
Thomas Hofer: Sie haben als Sechsjähriger bei Mozarts «die Zauberflöte» diesen Schlüsselmoment erlebt: Dirigent sein – das ist meine Leidenschaft. Können Sie sich noch erinnern, wie sich dieser Moment innerlich angefühlt hat? Und warum fällt es Ihrer Meinung nach heute vielen jungen Menschen schwer, dieses «innere Feuer» überhaupt zu entdecken oder ihm zu vertrauen?
Aurel Dawidiuk: Das waren grosse Emotionen, fast schon eine Überwältigung: so ist meine Erinnerung an die erste Opernaufführung, die ich damals als Sechsjähriger erleben durfte. Bis heute hält diese Kernerinnerung an und ist mir zugleich Ambition und Motivation. Ich glaube, beim Musikerleben und der Musikvermittlung geht es viel um Qualität: wir können der jungen Generation, zu der ich ja auch gehöre, ruhig mehr zumuten. Es braucht solche Momente höchster Verdichtung und Intensität - eben auch mit maximaler Qualität - um dieses innere Feuer zu entfachen und dann auch die Lust und den Mut zu wecken, sich selbst zu fordern oder überhaupt erst zu starten. Natürlich ist dabei ein «feuriges» Umfeld samt Vorbildern die optimale Ausgangslage.
Thomas Hofer: Sie arbeiten mit grossen Orchestern und leiten ab 26/27 die Bochumer Symphoniker. Welche drei Werte sind Sie in der Zusammenarbeit mit Musiker:innen unverzichtbar? Generell in Ihrer Rolle als Führungsperson?
Aurel Dawidiuk: Zum einen empfinde ich Ehrlichkeit und Ernsthaftigkeit der Musik und den Menschen gegenüber, übrigens auch abseits von Probe und Konzert, als essentiell. Nur damit können grosse und nachhaltige Momente gemeinsam entstehen. Natürlich beziehen sich diese Eigenschaften auch auf die Vorbereitung, ob alleine im stillen Kämmerlein oder zusammen auf der Bühne: ehrlich und ernsthaft mit sich selbst, der Sache gegenüber und dann auch im Teilen und Kommunizieren mit allen anderen. Als dritte conditio sine qua non würde ich - auch mit dem Anfangsbuchstaben E - den Enthusiasmus nennen. Nur mit diesem unbedingten Willen gepaart mit Leidenschaft kann man auch andere anstecken und mitreissen.
Thomas Hofer: Kurz vor grossen Auftritten wirken Sie ruhig, präsent und fast gelassen – und im Konzert entfaltet sich dann die ganze Energie und Leidenschaft. Ist dieses Vertrauen in sich und den Moment etwas, das schon immer da war – oder haben Sie es bewusst entwickelt? Wenn es ein Prozess war: Was hat Ihnen konkret geholfen, diesen Fokus und diese innere Stabilität aufzubauen?
Aurel Dawidiuk: Vor allem vertraue ich in diesen «heissen» Momenten vor dem ersten Auftritt und Auftakt der Musik selbst — und natürlich: den Musikerinnen und Musikern. Musik zusammen zu erleben ist ja höchst sozial, man ist also nie alleine. Auch wenn der Platz auf dem Podium — vor dem Orchester und hinter dem Publikum — ziemlich exponiert ist, so geht es spätestens ab dem ersten Ton nur noch um die Sache selbst. Im besten Fall erreichen alle dabei einen gemeinsamen «Flow». Jedes Mal ist es aber aufs Neue doch auch ein Ringen um die Konzentration in der Vorbereitung und das Loslassen im Moment.
Zur Person:
Der in Hannover geborene Aurel Dawidiuk ist als Dirigent, Pianist und Organist mehrfach ausgezeichneter Preisträger - dies mit erst 25 Jahren. Und - gemäss dem Hamburger Abendblatt - der «neue Stern am Dirigentenhimmel». Zu den Höhepunkten seiner Dirigiertätigkeit zählen das Engagement als erster Bernard Haitink Associate Conductor beim Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam sowie Gastdirigate bei den Bamberger Symphonikern, der Dresdner Philharmonie, der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, dem Royal Liverpool Philharmonic Orchestra, dem Tokyo Metropolitan Symphony Orchestra und dem Bundesjugendorchester.
Ab der Saison 2026/27 wir Aurel Dawidiuk der neue Generalmusikdirektor der Bochumer Symphoniker und Intendant des Anneliese Brost Musikforum Ruhr.
Dok-Film SRF über Aurel Dawidiuk
Bilder: © Irène Zandel