





«Ich glaube, die Welt kann verändert werden – auch und gerade in schwierigen Zeiten!»
Thomas Hofer: Sie plädieren für den Wandel von einer Konsum- zu einer Beziehungsgesellschaft und sprechen in Ihrem neusten Buch von einer «Kindness Economy». Was genau verstehen Sie unter diesem Konzept?
Oona Horx Strathern: Es geht darum, unsere Denkweise über Wirtschaft zu verändern. Weg von der reinen Betrachtung des Produktwerts hin zur Schaffung von Mehrwert. Dafür müssen wir die klassische Geschäftslogik und -mentalität ändern. Eine erfolgreiche Kindness Economy bedeutet den Abschied von der linearen Ökonomie des Grösser, Schneller und Immer-noch-Billiger. Kindness-Ökonomie basiert vielmehr auf Kernressourcen wie Kümmern, Respekt und Verstehen. Das heisst, weg von Wertschöpfung und hin zu Wertschätzung zu kommen. Dafür müssen wir umdenken: Statt in der Reihenfolge «Profit, Planet, People» muss die Formel «People, Planet und dann Profit» lauten. Wirtschaftlicher Gewinn bleibt also ein Ziel. Es geht nicht darum, den Kapitalismus abzuschaffen. «Kindness» verändert auch das Konsumverhalten. Vor allem viele junge Menschen prüfen genau, welche Unternehmen sie unterstützen wollen. Denn sie kaufen mit deren Produkten auch ein Wertesystem. Hier glaubwürdig und authentisch nachhaltige Werte zu vertreten, ist also ein Wettbewerbsvorteil.
Das Konzept «Kindness» lässt sich auch außerhalb der Wirtschaft anwenden. Jacinda Ardern, die frühere Premierministerin von Neuseeland, beispielsweise hat mehr «Kindness» und Empathie in der Politik gefordert. Diese seien angesichts der Herausforderungen, vor denen wir stehen, die Qualitäten, die wir am meisten benötigen. Abgesehen davon gibt es einige Studien, die nahelegen, dass Politiker ohne Anstand auf lange Sicht die Zustimmung verlieren.
Auch die Stadtplanung kann «kind» denken und Städte nicht als «Smart City», sondern als «Peoples City» gestalten. Etwa mit Konzepten wie der 15-Minuten-Stadt, in der alles Wichtige in maximal einer Viertelstunde zu erreichen ist.
Thomas Hofer: Eine Initiative an Schulen in Irland stellt Empathie auf eine Stufe mit Mathematik und Englisch. Wenn Sie auf die Welt von morgen blicken: Warum brauchen wir diese «empathische Revolution»?
Oona Horx Strathern: Die Idee, dass man Empathie lehren und trainieren kann, bildet den Hintergrund dieser interessanten neuen Initiative. Ziel ist es, Probleme wie Mobbing und Rassismus zu bekämpfen - wie sich gezeigt hat, hilft das Programm nicht nur dabei, das Verhalten zu verbessern, sondern auch die schulischen Leistungen. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Kinder mit einer angeborenen Empathie-Fähigkeit zur Welt kommen; dazu konnten sie nachweisen, dass Kleinkinder nicht nur erkennen können, wenn jemand anderer sich in Not befindet, sondern dass sie auch zu Anteilnahme fähig sind. Mit zunehmendem Alter sind sie jedoch immer weniger dazu in der Lage, weshalb es zwingend erforderlich ist, in den Schulen die Erziehung zur Empathie einzuführen. Pat Dolan, der seit vielen Jahren auf diesem Gebiet forscht, äusserte gegenüber der Irish Times: «Das ist genauso wichtig, wie Mathe und Englisch zu lernen. […] Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen, dass wir auf dem Weg, den die Zivilgesellschaft nimmt – nicht nur in diesem Land, sondern weltweit –, auf Empathie angewiesen sein werden». Zusammen mit seinem Team, das er an der Universität Galway leitet, hat Dolan an über 100 an die Primarstufe anschliessenden irischen Schulen ein zwölfwöchiges «Programm zur Aktivierung sozialer Empathie» eingeführt. Dabei geht es zunächst darum, den Schüler:innen beizubringen, was Empathie ist und warum sie wichtig ist. Anschliessend können sie das Gelernte dann in einem Projekt ihrer Wahl anwenden. Wie Dolan erklärte, verbessert sich durch das Programm nicht nur das prosoziale Verhalten (die Bereitschaft, Gutes zu tun), sondern auch die kognitive Empathie (die Fähigkeit, sich in die Perspektive anderer hineinzuversetzen) und die affektive Empathie (die Fähigkeit, mitzuempfinden, was andere fühlen).
Thomas Hofer: Sie sagen, dass die Lebensqualität und nicht das Bruttoinlandsprodukt (BIP) das wahre Mass für den Erfolg einer Gesellschaft ist. Welchen zukunftsorientierten Auftrag haben Bildungsinstitutionen aus Ihrer Sicht, um diese Lebensqualität zu fördern und zu stärken?
Oona Horx Strathern: Vielleicht müssen wir überdenken, wie wir unser Wohlbefinden als Land, Stadt oder sogar Bildungsinstitutionen messen. Im Jahr 1972 kam der vierte König von Bhutan, König Jigme Singye Wangchuck, zum Beispiel auf die grossartige Idee des «Bruttonationalglücks» (BNG). Laut Ha Vinh Tho, dem Programmdirektor des Zentrums für Bruttonationalglück in Bhutan, ist das BNG ein besseres Mass für den Fortschritt als das BIP (Bruttoinlandsprodukt). Auf der Website des Zentrums heißt es, das BNG sei «ein ganzheitlicher und nachhaltiger Entwicklungsansatz, der materielle und nicht materielle Werte mit der Überzeugung in Einklang bringt, dass Menschen nach Glück suchen wollen. Ziel des BNG ist eine ausgewogene Entwicklung in allen Lebensbereichen, die für unser Glück wesentlich sind.» (GNHCentreBhutan.org). Die vier Säulen des BNG sind gute Führung, nachhaltige sozioökonomische Entwicklung, Bewahrung und Förderung der Kultur und Erhaltung der Umwelt – eigentlich unterscheiden sie sich also gar nicht so sehr von den Grundpfeilern der Kindness Economy.
Im Bildungsbereich könnte jedes Fach und jede Institution von einer «Freundlichkeitsperspektive» profitieren. An der Wirtschaftshochschule in Stockholm beispielsweise gibt es einen Pflichtkurs für Studierende. Michel Dahlén, der offizielle Glücksprofessor, lehrt, dass es in der Wirtschaft um mehr als nur um Reichtum geht. Sein Kurs vermittelt, wie Unternehmen Massnahmen ergreifen können, um Produktivität UND Rentabilität zu steigern. Es ist eine neue Sichtweise darauf, was eine gesunde Wirtschaft ausmacht und wie Unternehmen zum Wohlergehen der Menschen beitragen können.
Zur Person:
Seit 30 Jahren beschäftigt sich Oona Horx Strathern mit Trend- und Zukunftsforschung – mit Bühnenerfahrung auf grossen internationalen Konferenzen und als Speaker für zahlreiche Unternehmen in (fast) allen Branchen. Dabei versteht Sie sich als Europäerin, spricht Deutsch und Englisch und hat in vielen verschiedenen Städten und Ländern gelebt, gearbeitet und gereist. Ihre Leidenschaft ist die Suche nach gesellschaftlichem Wandel – und wie wir diesen Wandel in Unternehmenskulturen, Stadtplanung, Designentwicklung und zukunftsorientiertes Denken übersetzen können.