"Ohne Herz ist Liebe nur ein Gedanke"
Thomas Hofer: In der öffentlichen Wahrnehmung gilt das Herz oft noch immer als „bloße Pumpe“ – ein muskuläres Organ mit beeindruckender Leistung. Sie hingegen bezeichnen das Herz als unser vielleicht wichtigstes Sinnesorgan. Was genau meinen Sie damit – inwiefern fühlt das Herz mehr, als wir bisher dachten?
Reinhard Friedl: Menschen wussten intuitiv schon immer, dass das Herz ist ein Sinnesorgan ist. Schriften und Bilder der letzten Jahrtausende zeugen davon und aktuelle Forschungsergebnisse bestätigen das. Das Herz kann mit seinem eigenen Nervensystem Informationen verarbeiten, speichern und sogar Entscheidungen treffen – unabhängig vom Gehirn. Es reagiert auf Emotionen, Hormone und Umweltreize und ist sogar in der Lage, Oxytocin (das sogenannte Liebeshormon) sowohl wahrzunehmen, als auch selbst zu produzieren.
Thomas Hofer: Sie sprechen davon, dass Herz und Gehirn in einem ständigen Austausch stehen – wie gute Freunde, die sich gegenseitig beeinflussen. Was macht diese Beziehung so besonders – und was bedeutet das für unser Denken, Fühlen und Handeln?
Reinhard Friedl: Es laufen sehr viel mehr Nervenbahnen vom Herzen zum Gehirn (80%) als umgekehrt und unser Gehirn hört auf sein Herz. Dann können im Cortex herzschlagevozierte Potentiale gemessen werden und die beeinflussen unsere Entscheidungen, ja sogar unser Sehvermögen. „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ ist nicht nur eine althergebrachte Metapher, sondern wissenschaftliche Realität.
Thomas Hofer: Moderne Forschung zeigt, dass sich Herzen auf erstaunliche Weise synchronisieren können – etwa in Beziehungen, im Klassenraum oder in sozialen Gruppen. Wie funktioniert diese „Herz-zu-Herz-Kommunikation“ – und warum ist sie gerade im Bildungsbereich so bedeutsam?
Reinhard Friedl: In der Natur ist Synchronisation die Sprache der Verbindung. Herzen können sich bei gemeinsamen Tätigkeiten, zum Beispiel Singen, oder wenn Chirurgen gemeinsam operieren, synchronisieren. Sogar über weitere Distanzen, wenn jemand, den wir lieben in Gefahr ist, wurde Synchronisation nachgewiesen. Wie Herzen das ganz genau machen hat bisher niemand herausgefunden. Wissenschaftler nehmen an, dass elektromagnetische Felder eine Rolle spielen. Wir wissen aber, eine tiefere Kommunikation beginnt dort, wo sich Herzen verbinden. Wenn Lehrende und Lernende sich auf der Ebene von Herzbewusstsein austauschen, entsteht ein kardiokognitiver Raum, in dem Vertrauen, Neugier und echtes Verstehen wachsen können. Auf die subtile Stimme des Herzens hören zu lernen ist Herzensbildung, organische Intelligenz. Sie unterstützt Entscheidungen die weise, mutig und mitfühlend sind – genau das, was Bildung heute braucht.
Thomas Hofer: Das Herz ist das erste Organ, das im Mutterleib zu schlagen beginnt – lange bevor das Gehirn aktiv wird. Und es scheint, als würde es bereits dort mit dem Herzen der Mutter in Resonanz treten. Ist das die ursprünglichste Form menschlicher Verbindung – vielleicht sogar die erste „Sprache“ zwischen zwei Menschen?
Reinhard Friedl: Die erste Kommunikation in unserem Leben ist die phasenweise Synchronisation der Herzen von Mutter und Kind, lange bevor wir geboren werden. Unser Gehirn ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht entwickelt. Noch bevor Worte entstehen, noch bevor das Denken sich formt, gibt es diesen nonverbalen Dialog, der die ursprünglichste Form von Beziehung und Bindung darstellt. Es ist die Sprache der Liebe. Ohne Herz ist Liebe nur ein Gedanke.
Zur Person:
Privatdozent Dr. med. Reinhard Friedl ist Herzchirurg, Intensivmediziner und Notarzt mit langjähriger Erfahrung – von der Operation frühgeborener Babys bis zur Implantation innovativer Kunstherzsysteme. Nach Jahrzehnten in der High-Tech-Medizin verfolgt er heute in seiner Praxis Herzzeit einen ganzheitlichen Ansatz, der moderne Herzmedizin mit Erkenntnissen aus der Bewusstseinsforschung und komplementären Heilmethoden verbindet. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Publikationen verfasst, schreibt heute Bücher für Erwachsene und Kinder und regelmäßig Essays und Aufsätze für Zeitschriften.
