3 Fragen an den Hirnforscher Prof. Joachim Bauer

"Es gibt keine bessere Droge für den Menschen, als den Menschen selbst"

Thomas Hofer: Warum sind zwischenmenschliche Resonanz und erlebte Gemeinschaft so wichtig für das subjektive Wohlbefinden und die eigene Gesundheit?

Joachim Bauer: Wir Menschen sind von der Evolution für gutes soziales Zusammenleben gemacht. Das zeigen verschiedene "Konstruktionsmerkmale" des menschlichen Gehirns: Unser Gehirn ist ein "Social Brain". 

 

Thomas Hofer: Menschen, von jung bis alt, wollen persönlich gesehen und wahrgenommen werden. Warum ist das so und wie verankern wir dieses Ur-Bedürfnis nachhaltiger in unserer Gesellschaft, gerade auch hinsichtlich einer würdigen und achtsamen Sterbekultur?

Joachim Bauer: Gesehen zu werden ist die Voraussetzung für die Aktivierung der in der Mitte unseres Gehirns sitzenden Energiesysteme, die dafür sorgen, dass wir Lebenslust und Energie haben. Zwei Gruppen werden in unseren westlichen Gesellschaften zu wenig gesehen: Die Kinder und die alten Menschen.

 

Thomas Hofer: Künstliche Intelligenz prägt immer mehr Bereiche des Lebens und Lernens. Wie können Schulen dazu beitragen, dass technologische Entwicklungen und menschliche Beziehungs- und Gefühlskompetenzen im Gleichgewicht bleiben?

Joachim Bauer: Digitale Angebote sind nichts Schlechtes, sind für die Entwicklung von Kindern in den ersten 12 Lebensjahren aber eher hinderlich als förderlich. In den ersten Lebensjahren sind sie sogar ausgesprochen schädlich. Hier werden von den Anbietern gerne falsche Narrative erzählt: Endgeräte und die auf Ihnen installierten Programme würden die Entwicklung von Kindern fördern und ihnen zu digitaler Kompetenz verhelfen. Die Daten zeigen, dass das Gegenteil der Fall ist. Kinder brauchen, um sich gut zu entwickeln, real anwesende Eltern, ErzieherInnen und Lehrkräfte. Kinder sollen spielen, ihren Körper benützen und in die Natur gehen. Die eleganteste Art, Kinder zu fördern ist Musik und Sport.

 

 

Zur Person: 

Prof. Dr. med. Joachim Bauer ist Arzt, Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Sachbuch-Autor (u. a. "Das Gedächtnis des Körpers", "Warum ich fühle was du fühlst", "Wie wir werden, wer wir sind"). Zuletzt erschien "Realitätsverlust - Wie KI und virtuelle Welten von uns Besitz ergreifen"). Bauer hat zwei (erwachsene) Kinder und drei Enkelkinder. Er lebt mit seiner Frau (Diplompsychologin, Yoga-Lehrerin) in Berlin, wo er als Gastprofessor an einer privaten Hochschule, als Dozent an einem Ausbildungsinstitut für junge Psychotherapeuten und als Psychotherapeut in privater Praxis tätig ist. Er ist Betreuer seiner 95-jährigen, schwer behinderten, in einem Pflegeheim wohnenden Mutter, um die er sich persönlich kümmert.

Portrait 2 Juli2024 privat